Samstag, 7. August 2010

Wüste

Ich liege in einem fremden Bett und habe Kopfschmerzen. Mein Magen möchte sich umstülpen und ich will eigentlich nur noch Schlafen. Was ist passiert?


Dicke Party mit fatalen Folgen läge nahe, aber weit gefehlt. Das hier hab ich mir tatsächlich freiwillig angetan und dabei noch nicht mal einen Schluck Alkohl getrunken.


Ich befinde mich im Norden Chiles, genauer: in San Pedro de Atacama, einem kleinen Touristen-Dörfchen...


...mitten in der Atacama-Wüste, der trockensten Wüste der Welt.


Alles fängt entspannt an, auch wenn die Autofahrt von der Hafenstadt Antofagasta zur 2500 m hoch liegenden Sierra de Atacama für allgemeine Schlappheit sorgte. Doch der Reiz des Neuen und Unbekannten gleicht das leicht aus.


Lama-Babies zum Knuddeln und ähnlich leicht bekömmliche Touristenkost lassen den Alltag des lärmgeplagten Santiagos schnell vergessen.


Und so stürzen wir uns ins gekonnte Abschalten, wie wir es zuletzt vor 3 Monaten in La Serena genossen hatten.


Mittlerweile mag ich auch Pferde mehr und mehr. So langsam komm ich echt auf den Geschmack. Nein, nicht von rheinischem Sauerbraten (den mochte ich schon immer), sondern vom Reiten.


Idol: Sancho Panza.


Mit La Serena kann die Cabalgata in San Pedro allerdings nicht mithalten.


Eine maue Oase, viel Wüste, kaum Steigungen.


Keine Weinreben, keine Kakteen, kein Gallopp. Dafür allerdings einen Blick auf den Lincancabur, dem faszinierend symmetrischen Vulkan im Hintergrund, der stolze 5916 m hoch ist.


Und genau mit dem fängt mein Leidensweg an. Genauer gesagt, mit der entsprechenden vulkanisch-aktiven Hochebene, die sich bis weit ins bolivianische Hochland erstreckt.


Um ein einmaliges Schauspiel der Natur zu bewundern, muss man sich als tapferer Tourist um 4 Uhr morgens auf die Reise machen, und sich von San Pedro aus über mieseste Pisten in die Anden schlagen, ...


...um rechtzeitig da zu sein, wenn morgens die El Tatio Geysiere besonders aktiv sind.


Was sie auch tatsächlich waren. Allerdings ist der Preis für dieses Spektakel eine Reise von 2500 m auf 4300 m, mit Überquerung von einigen 5000'ern. Nichts für ungeübte, ausgelaugte Großstadtmenschen.


"Welcome to the world of tomorrow!" (fiel mir bei dem Foto ein, hat nichts mit der Geschichte zu tun)


Wenn dann bei -20 Grad Celsius langsam die Sonne aufgeht, man sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten kann, und gleichzeitig ein ganzes Tal anfängt zu dampfen, dann kommt man sich schon mal zurecht vor, wie in einer fremden Welt.


Hatte ich erwähnt, dass wir mit unserem gemieteten (ehemals weißen und über funktionierende Stoßdämpfer verfügenden) Kleinwagen unterwegs waren? Und dass um 4 Uhr morgens mitten in den Anden bei stockfinsterer Nacht, bei teils unglaublichen Steigungen und empfindlichsten Minusgraden einem schon mal in den Sinn kommt, dass das ganze ne Schnapsidee war?


Aber auf dem Weg zurück nach San Pedro sah die Welt schon ganz anders aus. Wir befanden uns plötzlich mitten in einer wunderschönen und teils bizarren Landschaft.


 Mit wilden Lamas!!


Die allerdings nicht ganz so viel Interesse am Knuddeln hatten, wie die in San Pedro oder in Santiago.


Und Guanakos! (in obigem Bild sind mindestens 10 Stück versteckt...)


Und wilden Eseln (womit wir zurück bei Sancho Panza wären)!


Zur Belohnung und Erholung ging's danach auf halber Wegstrecke Richtung San Pedro in die Termas Puritamas, natürliche Thermalquellen, die durch die eingebaute Vulkanheizung angenehme 34 Grad Celsius warm sind.


Das war angenehm, sorgte aber mit der noch immer knisternd kalten Luft und der gleichzeitig brennenden Sonne für eine unangenehmes Bohrmaschinengefühl im Hirn.


Der, der hier noch so ungemein lässig aussieht, leidet in Wirklichkeit unerträgliche Qualen. Aber ein Profi lässt sich das natürlich nicht anmerken.


Trotzdem drängte der Profi dann nach kurzer Zeit, den idyllischen Ort zu verlassen und den letzten Teil der Strecke zurückzulegen.


Das Bächlein ist ganz in der Nähe der Quellen, und verfügt leider nicht über eine eingebaute Vulkanheizung - und siehe, es ist gefroren.


Somit sind wir also wieder beim Anfang der Geschichte. Nach einem halben Tag Schlaf und einigen Tassen Coca-Tee konnte der Kopf allerdings schon wieder neue Eindrücke aufnehmen, so dass wir uns den Sonnenuntergang im Valle de la Luna anschauen konnten.


Eine ebenso bizarre Welt, allerdings auf angenehmen 2500 m wie auch San Pedro gelegen.


Eine Riesendüne, die wir eigentlich noch sabotieren wollten.


Und eine Landschaft, die dem Mond ähnlich sehen soll.


Ein gechillter Sonnenuntergang ließ dann auch die Kopfschmerzen vergessen.


Und zum Schluss dann noch ein Caspar David Friedrich "Frau in Anbetracht des Lincancaburs", ¡que lindo!

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