Samstag, 14. Januar 2012

We are the 84%!

Neues Jahr, neuer Anlauf für die Wirtschaftskrise und ebenso für die Occupy-Bewegung. Beim Kampf Mehrheit (99%) gegen Minderheit (1%) sind die Sympathien klar verteilt. Wirklich niemand möchte sich auf die Seite der bösen Banker schlagen. Banker sind ja schließlich für die meisten Menschen, die selber keine Banker sind, einfach zu diabolisieren. Dabei lauert dieses eine Prozent, das den Ton angibt und den Rest bis zum äußersten ausbeutet nicht nur in der Finanzwelt, sondern in eigentlich fast jedem Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Verhältnis - und nimmt damit schnell menschliche Züge in Form deines Chefs an. Die Frage nun ist: wenn das eine Prozent plötzlich vor dir steht und über deinen nächsten befristeten Arbeitsvertrag entscheidet, traust du dich dann immer noch, ihm deine Parolen ins Gesicht zu sagen?


Schaut man sich die deutsche Forschungslandschaft an, dann kommen einem schnell die Tränen. Da gibt es etliche hochwertig ausgebildete junge Menschen, idealistisch, motiviert und voller Lebensträume - und einer nach dem anderen wird verheizt. Die Aussicht auf eine permanente Anstellung an einem Forschungsinstitut treibt diese naiven jungen Menschen dazu, bis ans Äußerste ihrer Belastbarkeit zu gehen. Dabei ist Vielen nicht bewusst, dass permanente Stellen in der heutigen Forschungslandschaft kein realistisches Ziel darstellen. Ganz im Gegenteil: Zeitverträge mit Laufzeiten von unter einem Jahr sind an deutschen Forschungsinstituten schon eher die Regel als die Ausnahme. Alles in allem beläuft sich der Anteil an wissenschaftlichen Mitarbeitern mit befristeten Stellen auf stolze

84%

(siehe Bericht in der ZEIT). Das ARD-Magazin Monitor berichtet zwar von "nur" 65%, stellt diese Zahl aber gleichzeitig in den internationalen Vergleich. So steht Deutschland ziemlich abgeschlagen hinter Großbritannien (28%), Frankreich (26%) und den USA mit gerade einmal 17% befristeten Stellen. Hier geht's zum sehr interessanten Bericht (ca. 6 min):


Nicht ganz 99% also, aber es geht in die richtige Richtung. Aber kann es das sein? Kann es sein, dass man sich nach 10 Jahren Studium mit vergleichsweise schlecht bezahlten Stellen abspeisen lässt, die dann auch noch auf unmenschlich kurze Zeiträume befristet sind? Und das nur, weil man so gerne in der Wissenschaft arbeiten möchte?

Alles schon schlimm genug. Doch Monitor berichtet auch noch von einem weiteren Vorgang, der an deutschen Unis gang und gäbe ist: Überbrückung von "Finanzierungslücken" durch Arbeitslosengeld - natürlich muss aber in der Zeit weitergearbeitet werden, man darf ja schließlich nicht den Anschluss an die Konkurrenz verlieren - sonst bekommt nachher noch der Chinese den Job, dessen Arbeitswoche kein Wochenende kennt! Das sich Uni, Professor und wissenschaftlicher Mitarbeiter damit strafbar machen, ist allen beteiligten klar. Die Arbeitsämter nehmen es stillschweigend hin.


Eine Verschärfung dieser Situation entstand 2007 durch das so genannte "Wissenschaftszeitvertragsgesetz" unserer rabenschwarzen CDU-Bundesministerin für Bildung und Forschung Annette Schavan, was den Universitäten mehr Freiheiten bei der Einstellung wissenschaftlicher Mitarbeiter einräumt. Seitdem sinken die Laufzeiten der Arbeitsverträge und der Anteil der befristet Beschäftigten steigt. Großes Kino!

Die Bildungsgewerkschaft GEW versucht genau gegen diese Praktiken vorzugehen. In ihrer Erklärung mit dem leicht kommunistisch angehauchten Titel "Templiner Manifest" fordert sie die Politik auf, ein gerechteres Karrieresystem an den Hochschulen zu realisieren, zum Beispiel in Form eines Tenure-Track-Systems. Zudem steht unter Punkt 5 des Manifests die Forderung nach einer Life-Work-Balance für Wissenschaftler. (Ich glaube, nur wenige meiner Kollegen (inklusive mir) können sich unter einer Life-Work-Balance wirklich etwas vorstellen. Wer gar noch nie etwas von diesem neumodischen Wort gehört haben sollte, der möge darüber nachdenken die begleitende Unterstützerliste zu unterschreiben!) Das Manifest findet langsam Gehör bei Politikern aller Parteien (siehe Bericht des Tagesspiegels), und erste Gesetzesentwürfe werden diskutiert.


Doch wie bei jeder sozialdemokratischen Sache gibt es nicht nur Fürsprecher in der Gesellschaft. Der GEW gegenüber steht ein mächtiger Zusammenschluss aus dem, was man das eine Prozent nennen könnte: die so genannte Allianz der Wissenschaftsorganisationen, d.h. die Alexander von Humboldt-Stiftung, der Deutsche Akademische Austauschdienst, die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Helmholtz-Gemeinschaft, die Hochschulrektorenkonferenz, die Leibniz-Gemeinschaft, die Max-Planck-Gesellschaft und der Wissenschaftsrat. Wer in einer dieser Organisationen sitzt hat garantiert keine befristete Stelle und muss sich garantiert nicht ständig Gedanken darüber machen, wie er nächstes Jahr seine Familie ernähren soll.

Bei jeder grundlegenden politischen Umwälzung kam die Kraft und der Antrieb von der Gesellschaftsschicht, die im Nachhinein am stärksten von den Umwälzungen profitierte. Arbeitet ihr in der Wissenschaft und sitzt auf einer befristeten Stelle (oder bezieht vielleicht gerade Arbeitslosengeld!), dann erwartet nicht, dass jemand anders für euch einstehen wird. Wir sind die 99% in dieser Angelegenheit! Das Mindeste, was jeder von uns tun kann, ist nicht so zu tun, als seien nur die anderen in diesem Hamsterrad gefangen und man selber hätte realistische Aussichten auf eine Festanstellung.

Abschließend möchte ich jemanden zitieren, der zwar bequem auf einer permanenten Stelle sitzt, das Elend der wissenschaftlichen Mitarbeiter unter sich aber trotzdem nicht mehr ertragen kann. Jonathan Katz, Physik-Professor an der Washington University, rät jungen Wissenschaftlern zum Thema Karriere in der Wissenschaft Folgendes auf seiner Homepage:
What can be done? The first thing for any young person (which means anyone who does not have a permanent job in science) to do is to pursue another career. This will spare you the misery of disappointed expectations. Young Americans have generally woken up to the bad prospects and absence of a reasonable middle class career path in science and are deserting it. If you haven't yet, then join them. Leave graduate school to people from India and China, for whom the prospects at home are even worse. I have known more people whose lives have been ruined by getting a Ph.D. in physics than by drugs.
Vielleicht gibt es ja doch noch einen konstruktiveren Weg als diesem Rat zu folgen und den Kopf in den Sand zu stecken!?

1 Kommentare:

  1. Der Abbau des Mittelbaus von Seiten der Politik (in Deutschland) ist doch nur ein Teil des Problems. Solange die Meinung herrscht, man müsse als guter Wissenschaftler alle zwei bis drei Jahre die Location wechselt (Horizont erweitern und so), nützen auch ungefristete Stellen nicht viel. Doktoranden werden von ihrer eigenen Uni teilweise aus Prinzip nicht übernommen (ist nicht gut für deine Karriere); Hausberufungen gelten per so als Kungelei; in Berufungskommissionen wird darüber diskutiert, ob man einen Kandidaten überhaupt einladen kann, wenn er 'nur' in Europa war. Da muss auch bei den Wissenschaftlern selbst ein gewissen Umdenken einsetzen, denn familienfreundlich ist ein Zwangsumzug alle 2-3 Jahre sicher nicht.

    Wissenschaft erhält sicher nicht die Wertschätzung, die sie verdient. Interessanterweise erhalten aber die Jungwissenschafter oft auch von den Altwissenschaftlern nicht den Respekt, den sie verdienen. Siehe z.B. die meist schlechte und gern auch mal ungleiche Bezahlung von Doktoranden. Das könnten die Professoren (als Institut, als Fakultät oder gar als Uni) selbst verändern. Siehe Zürich, wo wir für die MNF ein Mindestgehalt für alle Doktoranden durchgesetzt haben. Diese Art von Umdenken ist das Fundament. Ohne das kann ich viele Petitionen an die liebe Frau Schavan schicken, weil sich am Forscheralltag selbst trotzdem nicht viel ändern wird.

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